Zwischen Boarding und Bauchgefühl – was Flughäfen über ihre Passagiere oft übersehen

Es ist 6:40 Uhr. Die Schlange an der Sicherheitskontrolle wächst. Ein Passagier checkt entspannt seine Mails. Zwei Personen weiter: hektische Blicke, steigender Stress, Zeitdruck beim Fliegen spürbar im ganzen Körper. 

Objektiv ist die Situation für alle gleich. Subjektiv könnte sie unterschiedlicher kaum sein. Genau dieser Unterschied ist im Alltag an Flughäfen entscheidend – und bleibt in klassischen Kennzahlen unsichtbar. 

Airports messen heute nahezu alles: Durchlaufzeiten, Passagierströme, Auslastungen in den Terminals. Doch die zentrale Frage bleibt oft unbeantwortet: Wie wird die Reise durch den Flughafen eigentlich erlebt?

 

Die blinden Flecken operativer Kennzahlen 

Operative Daten zeigen, was passiert. Sie zeigen nicht, warum etwas als gut oder schlecht wahrgenommen wird. 

  1. Zehn Minuten Wartezeit können akzeptabel sein oder als deutlich zu lang empfunden werden. 
  2. Eine Beschilderung in den Terminals kann formal korrekt sein und trotzdem nicht funktionieren. 
  3. Ein Service-Angebot kann vorhanden sein und dennoch ungenutzt bleiben. 

In der Praxis entsteht genau hier eine Lücke: zwischen interner Sicht und tatsächlichem Reiseerlebnis der Passagiere. Diese Lücke führt häufig zu Fehlentscheidungen: Wartezeiten werden weiter reduziert, obwohl Passagiere sie subjektiv gar nicht als kritisch empfinden. Gleichzeitig werden Retailflächen an Flughäfen optimiert, ohne die tatsächlichen Nutzungsbarrieren zu kennen. 

 

Was Passagierbefragungen leisten 

Passagierbefragungen – im Kontext des ADV auch als Fluggastbefragungen bekannt – setzen genau an diesem Punkt an. Sie machen das Reiseerlebnis der Passagiere messbar und liefern Antworten, die operative Daten allein nicht geben: 

  1. Wo entlang der Reise durch den Airport entstehen Reibungspunkte? 
  2. Wie werden Prozesse in den Terminals tatsächlich wahrgenommen? 
  3. Welche Service- und Informationsangebote erreichen ihre Zielgruppen und welche nicht? 
  4. Wer bewegt sich am Flughafen, mit welchen Erwartungen und was beeinflusst die Kundenzufriedenheit?

Der entscheidende Unterschied:  

Befragungen liefern nicht nur Daten, sondern Kontext.

Sie erklären, warum Prozesse so wirken, wie sie wirken. Und das ist die Grundlage für fundierte Entscheidungen – bei der Weiterentwicklung von Services wie Parkangeboten, der Optimierung von Laufwegen in den Terminals oder der Anpassung von Gastronomie- und Retail-Angeboten.

Der konkrete Mehrwert für Flughäfen und Airlines

Richtig umgesetzt, lassen sich aus Passagierbefragungen sehr konkrete Maßnahmen ableiten: 

  1. Customer Journey gezielt verbessern statt nur punktuell optimieren 
  2. Prozesskennzahlen besser einordnen durch die Wahrnehmung der Passagiere 
  3. Retail- und Servicepotenziale erkennen, die sonst verborgen bleiben 
  4. Zielgruppen differenzierter verstehen und ansprechen 

Gerade für Airports und Airlines in einem komplexen, kostenintensiven Umfeld ist das ein entscheidender Vorteil. Kosten entstehen nicht nur durch ineffiziente Prozesse, sondern auch durch Maßnahmen, die am tatsächlichen Erleben der Passagiere vorbeigehen. 

 

Der Unterschied liegt im Feld 

Eine Fluggastbefragung ist nur so gut wie ihre Datenbasis. Im Airport-Umfeld kommt es darauf an, die tatsächliche Passagierstruktur realitätsnah abzubilden, um Passagierströme besser zu verstehen, Abläufe zu optimieren und Services gezielter auf die Bedürfnisse der Reisenden auszurichten. 

  1. Zeitdruck und situative Ansprechbarkeit der Passagiere  
  2. Mehrsprachigkeit und kulturelle Unterschiede  
  3. Operative Rahmenbedingungen und Sicherheitsanforderungen  
  4. Stark schwankende Passagierströme  

So zeigt sich in der Praxis häufig, dass Passagiere unmittelbar vor der Sicherheitskontrolle deutlich schwerer ansprechbar sind als nachgelagert im Gate-Bereich. Während vor der Kontrolle oft Zeitdruck und Unsicherheit dominieren, steigt die Teilnahmebereitschaft nach dem Prozess spürbar an, ein Unterschied, der für die Feldplanung entscheidend ist. 

Aus unserer Erfahrung aus über zehn Jahren Passagierbefragungen im Flughafenumfeld zeigt sich dabei immer wieder: Standardisierte Ansätze greifen zu kurz. Entscheidend ist die Fähigkeit, Methodik und Umsetzung situativ an die Bedingungen vor Ort anzupassen.  

Genau hier zeigt sich, ob eine Befragung belastbare Ergebnisse liefert oder nur oberflächliche Eindrücke. 

 

Datenqualität entscheidet über den Mehrwert 

Eine Passagierbefragung ist nur so gut wie ihre Datenbasis. Gerade im Flughafenumfeld kommt es darauf an, die tatsächliche Passagierstruktur realitätsnah abzubilden um darauf aufbauend Passagierströme besser zu verstehen, Abläufe zu optimieren und Angebote gezielter auf die Bedürfnisse der Reisenden auszurichten. Das erfordert: 

  1. klare Stichproben- und Quotensteuerung (z. B. nach Destination, Airline, Tageszeit)  
  2. kontinuierliche Feldsteuerung während der Erhebung  
  3. konsequente Qualitätskontrollen und Validierung der Interviews  

Schon kleine Abweichungen können die Ergebnisse verzerren. Deshalb ist methodische Präzision in Kombination mit operativer Erfahrung entscheidend.  

Ein typisches Beispiel: Wenn bestimmte Verbindungen oder Airlines im Tagesverlauf unterrepräsentiert sind, kann das schnell zu einer verzerrten Stichprobe führen. In der Praxis bedeutet das, dass im Feld kurzfristig umgeplant und gezielt zu passenden Abflugzeiten nachgesteuert werden muss. 

 

Von Daten zu Entscheidungen 

Der eigentliche Wert einer Passagierbefragung entsteht erst in der Anwendung. Ziel ist es, Ergebnisse so aufzubereiten, dass sie direkt in Maßnahmen überführt werden können. Typische Ansatzpunkte sind: 

  1. Optimierung von Wegeführung und Orientierung  
  2. Verbesserung von Informations- und Serviceangeboten  
  3. Anpassung von Retail- und Gastronomiekonzepten  
  4. Effizientere Gestaltung von Prozessen  

Darüber hinaus ermöglichen standardisierte Ansätze – etwa im Rahmen von ADV-Befragungen – eine langfristige Einordnung der eigenen Performance und den Vergleich mit anderen Airport-Standorten. Der Flughafenverband ADV bietet mit solchen Branchenstandards eine wichtige Grundlage, um Kundenzufriedenheit und Reiseerlebnis nachvollziehbar und vergleichbar zu machen. 

Die Kombination aus Benchmarking im Sinne des Flughafenverbands und individuellen Studien schafft den größten Mehrwert. 

 

Was in der Praxis funktioniert 

Besonders bewährt haben sich dabei: 

  1. Persönliche Interviews im Terminal – Sie ermöglichen gezielte Stichproben und erreichen auch Passagiere, die digital kaum zugänglich sind. 
  2. Tablet-gestützte Erhebungen – Sie sorgen für standardisierte Daten und ermöglichen mehrsprachige Umsetzungen. 
  3. Kombination mit Verhaltensdaten – Beobachtungs- oder Trackingdaten zeigen, was Passagiere tun. Befragungen erklären, warum.  

Reine Online- oder QR-Lösungen stoßen dagegen im Flughafenumfeld schnell an Grenzen, vor allem durch geringe Teilnahmequoten, verzerrte Stichproben und fehlerhafte Eingaben in wichtigen Strukturfragen. Unsere Erfahrung zeigt immer wieder, dass QR-Codes in stark frequentierten Bereichen kaum genutzt werden, während dieselben Passagiere bei direkter Ansprache durchaus bereit sind, an einer Befragung teilzunehmen. 

 

Die Realität: Dynamik statt Standardlösung 

Jeder Airport funktioniert anders. Selbst innerhalb eines Tages verändern sich Bedingungen spürbar, je nach Aufenthaltsdauer, Verspätungen, Tageszeit und Passagierstruktur. 

  1. Der richtige Zeitpunkt der Ansprache entscheidet über Teilnahme oder Ablehnung 
  2. Interviewer müssen situativ reagieren können 
  3. Feldsteuerung muss flexibel auf sämtliche Veränderungen vor ORT angepasst werden 
  4. Mehrsprachigkeit ist nicht optional, sondern Voraussetzung 

 

Standardisierte Ansätze reichen hier nicht aus. Erfolgreiche Projekte entstehen durch die Kombination aus methodischer Struktur und praktischer Anpassungsfähigkeit. 

Geschrieben von

Kategorie

Tagged

+49 (0)391 7347 053

Mo-Fr 08:00-18:00 Uhr

Kontaktformular

Produktanfrage stellen

info@iwd-marketresearch.de

Senden Sie uns eine E-Mail

Bewerbung als Interviewer

Werde Teil des Teams